Summary
Overview
In diesem ausführlichen Gespräch spricht Colleen Fernandes über ihre Erfahrungen mit digitaler Gewalt, Identitätsdiebstahl und häuslicher Gewalt. Sie diskutiert die strukturellen Probleme des Patriarchats in Deutschland, unzureichende gesetzliche Schutzmaßnahmen und die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen. Das Interview beleuchtet sowohl ihren persönlichen Fall als auch die breiteren systemischen Probleme von Frauenfeindlichkeit, digitaler Gewalt und der Rolle von Social-Media-Plattformen bei der Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen.
Einstieg in digitale Gewalt und persönliche Erfahrungen
Colleen Fernandes beschreibt, wie sie erst nach der Geburt ihres Kindes die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft wahrzunehmen begann. Sie erklärt, wie über Jahre hinweg Fake-Profile in ihrem Namen erstellt wurden, die mit Männern flirteten und pornografisches Material verschickten. Diese Erfahrungen führten dazu, dass sie sich mit digitaler Gewalt als gesellschaftliches Problem auseinanderzusetzen begann und feststellte, dass Deutschland erhebliche gesetzliche Schutzlücken aufweist.
- Colleen wurde erst nach der Geburt ihres Kindes auf gesellschaftliche Ungleichheiten aufmerksam, obwohl sie zuvor gleichberechtigte Beziehungen hatte
- Fake-Accounts in ihrem Namen wurden über zehn Jahre lang betrieben, flirteten mit Männern und verschickten pornografisches Material
- Die Fake-Profile waren professionell erstellt und in der Branche gut vernetzt, sodass ihr echtes Profil für falsch gehalten wurde
- Deutsche Justizminister sahen keinen Nachschärfungsbedarf bei Gesetzen zu digitaler Gewalt, obwohl der Deutsche Juristinnenbund Schutzlücken dokumentiert hatte
" Ich habe vorher auch sehr gleichberechtigte Beziehungen hatte und all diese Dinge, die so im Haushalt anfallen, sehr selbstverständlich gleichberechtigt erledigt worden sind. Und ich habe keine, beziehungsweise die Erfahrung, die ich gemacht habe mit Ungleichheiten, die habe ich nicht wahrgenommen, weil man auch vieles einfach so hinnimmt und gar nicht groß darüber nachdenkt. "
" Es wird oft genutzt sozusagen als Revenge-Porn. Oft ist das Opfer eine Ex-Partnerin. Es wird als Instrument genutzt, um Macht auszuüben. "
" Ich bin grundsätzlich nicht jemand, ich springe nicht schnell auf so Internet-Trends auf. Das war ja eben auch genau das Problem, weswegen es diesen Freifahrtschein gab, weil ich einfach bei gewissen Social-Media-Portalen gar nicht angemeldet war. "
Was ist digitale Gewalt und warum wird sie nicht ernst genommen
Fernandes erklärt detailliert, warum Fake-Profile, Identitätsdiebstahl und die Verbreitung manipulierter Inhalte als Gewalt zu verstehen sind. Sie beschreibt die psychischen Auswirkungen, die Einschränkungen in ihrem Berufsalltag und wie sie durch die Verbreitung von Material in ihrem Namen nicht mehr wusste, wem sie vertrauen kann. Die fehlende Anerkennung als Gewalt und die verharmlosende Reaktion vieler Menschen machen die Situation für Betroffene noch schwieriger.
- Digitale Gewalt verursacht zwar keine physischen, aber starke psychische Schmerzen, die genauso real sind wie körperliche Verletzungen
- Die Verbreitung von Material in ihrem Namen mit Vergewaltigungsfantasien führte dazu, dass sie nicht mehr wusste, welche Männer in ihrer Branche dieses Material erhalten hatten
- Es ist irrelevant, ob ein Deepfake oder ein einfacher Fake verschickt wird - entscheidend ist der Anschein, dass sie selbst das Material verschickt hat
- Nur 2,4% der Fälle digitaler Gewalt werden zur Anzeige gebracht, bei häuslicher Gewalt sind es 5%
" Schmerzen müssen ja nicht physisch an Natur sein. Es reicht ja, wenn man psychische Schmerzen hat. Und jeder, der vielleicht, ich meine so ein random Beispiel, aber ich denke, das kennt jeder, alleine so ein Liebeskummer, wie doll Liebeskummer schmerzen kann. Das ist einfach so, dass man auch auf nicht physischer Ebene starke Schmerzen haben kann. "
" Und man hat schon versucht in diesem Moment, wie du einen Menschen tötest und wenn es nur aus Versehen ist, dann hast du einen Menschen getötet. Und da kann man nicht sagen, ja, aber der hat genervt und da ist mir das Messer ausgerutscht und da ist sehr unglücklich die Treppe runtergefahren. "
" Es macht ja einen Unterschied, ob ich das selbst so entschieden habe oder ob jemand das für mich macht. Und das verstehe ich gar nicht, dass da dennoch so oft das Feedback kommt, dass man gar nicht kapiert, wo das Problem ist. "
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