Jung & Naiv
Jung & Naiv

#853 - Ökonom Tom Krebs über Wege aus der Krise & neoliberale Märchen

September 24, 2026 • 3h 46m

Summary

⏱️ 8 min read

Overview

Ein ausführliches Gespräch mit dem Ökonomen Tom Krebs über die Grenzen des neoliberalen Wirtschaftsmodells, die ökonomischen Ursachen des AfD-Aufstiegs und seinen Gegenentwurf einer 'geplanten Marktwirtschaft'. Krebs kritisiert die marktliberale Mainstream-Ökonomie scharf, fordert massive Vergesellschaftung von Infrastruktur und Daseinsvorsorge und erklärt, warum die aktuelle Wirtschaftspolitik die Demokratiekrise verschärft.

Tom Krebs' Werdegang und Kritik am Mainstream

Tom Krebs, Professor für Makroökonomik in Mannheim, beschreibt seinen Weg von der Physik zur Ökonomie und erklärt, warum er erst nach 30 Jahren Forschung zur öffentlichen Debatte fand. Er kritisiert, dass die meisten Mainstream-Ökonomen ein idealisiertes Marktmodell als Referenz nutzen und damit faktisch zu 'Sprachrohren des Kapitals' werden, während sie sich selbst als wissenschaftlich neutral verstehen. Seine Ausbildung in den USA und seine Erfahrungen mit Weltbank und IWF prägten seine kritische Perspektive.

  • Krebs ist Professor in Mannheim, Mitglied der Mindestlohnkommission und vertritt eine Position außerhalb des ökonomischen Mainstreams
  • Die Mainstream-Ökonomie nutzt ein idealisiertes Marktmodell als Referenz, bei dem der Markt optimal funktioniert und der Staat nur umverteilt
  • Krebs bezeichnet sich als 'Atheist' bezüglich der unsichtbaren Hand - das Modell ist nützlich, aber stark idealisiert
  • In der ökonomischen Ausbildung fehlen Ideengeschichte, Marx, und die Auswirkungen auf Klima und Gesellschaft fast vollständig
" Die meisten Mainstream-Ökonomen sind eigentlich die Sprachrohe des Kapitals. Aber sie geben sich wissenschaftlich neutral und das stört mich schon etwas. "
" Ich bin das Sprachrohr von Tom Krebs, der sich versucht, verschiedene Perspektiven zu eigen zu machen - neoklassische, keynesianische, marxistische und auch Polanyi. "

Die Grenzen des Marktmodells und das Problem der Privatisierung

Krebs erklärt ausführlich, warum das neoklassische Marktmodell zwar theoretisch interessant ist, aber in der Realität versagt - besonders bei Daseinsvorsorge und Infrastruktur. Er argumentiert, dass privates Kapital zu teuer ist (zweistellige Renditen) und in diesen Bereichen keine Innovationen bringt. Am Beispiel der Stromnetze, des Wohnungsmarkts und der Privatisierungen der 90er Jahre (Telekom, Post, Bahn) zeigt er die Fehler marktradikaler Politik auf.

  • Privates Kapital ist zu teuer (zweistellige Renditen) und in Bereichen wie Stromnetze, Wohnen, Gesundheit gibt es kaum Innovationen durch Wettbewerb
  • Die Bundesnetzagentur bestimmt die Preise für Stromnetze, aber trotzdem haben wir privatisiert - BlackRock sitzt dort und fordert zweistellige Renditen ohne Risiko
  • Die empirische Literatur zeigt: Privatisierung hat die Dinge nicht besser, eher schlechter gemacht
  • Krebs' Kriterium für öffentliches vs. privates Eigentum: Wo ist die Innovationskraft des Wettbewerbs groß? Wo überwiegt, dass Eigenkapitalrendite zu teuer ist?
" Im Stromsektor haben wir einen regulierten Monopolisten. Die Bundesnetzagentur bestimmt die Preise. Und trotzdem drehen die Leute immer von Wettbewerb. Und übrigens, trotzdem haben wir unsere Stromnetze privatisiert. "
" Wir haben überall so ein paar Beteiligungen, aber sobald du sagst, na, warum machen wir das? Nein, Risiko oder Effizienz oder der Markt - da kriegst du diese Sprüche. Und du weißt eigentlich nicht, auf welchem Planeten du bist. "

📚 6 more sections below

Sign up to unlock the complete summary with all insights, key points, and quotes